Montag, 4. Mai 2026
(7) 100x auf- und wieder absteigen
Der Wetterbericht war mau und so verwunderte es nicht, dass es leicht regnete, als wir unsere Packtaschen vor dem Appartement an die Bikes schnallten. Schade, denn heute stehen zwei Highlights auf dem Programm, auf die ich mich doch sehr freute. Zum einen kommen wir in der historischen Ortschaft La Couvertoirade vorbei und zum zweiten durchfahren wir das UNESCO-Kulturerbe Le Cirque des Navacelles. Remy wählte wieder die Strasse und wir vereinbarten, dass wir uns nach knapp 20 Kilometern in La Couvertoirade treffen werden.
Für Jürg und mich ging es auf der Strecke der GTMC gleich heftig los. In der lokalen Bikekarte wurde der Streckenabschnitt als «trés difficile» beschrieben und so wunderte es nicht, dass wir öfter mal absteigen und schieben mussten. Dennoch war es sehr interessant und zu geschätzten 95 % fahrbar. Etwa auf halber Wegstrecke durchquerten wir den kleinen Ort Sauclières und von da stieg die Strecke noch einmal kräftig an, auf den «Puech du Bassel», mit seinen 910 m.ü.M. der höchste Punkt des Tages (Bild 305). Bei schönem Wetter muss man von da eine tolle Rundumsicht geniessen, doch wir waren heute mitten in einer weissen Regenwolke. Wir mussten uns auch etwas ranhalten, denn wir waren schon deutlich über eine Stunde unterwegs und hatten gerade mal knappe 12 Kilometer zurückgelegt. Remy sass da schon beim Café au Lait…
Wir befanden uns nun wieder auf einer Hochebene und der Weg führte wunderbar entlang eines Waldrands immer leicht bergrunter. Die tolle Landschaft machte viel des schlechten Wetters wieder wett. Ich war dennoch erfreut, als wir in einer nächsten Talsenke die kräftigen Wehrtürme der Mauer um La Courtarade erspähten.
Man fühlt sich hier echt ins Mittelalter zurückversetzt. Als sei die Zeit stehen geblieben. Das ist sie natürlich nicht und heute ist der Ort vor allem eine Touristenattraktion. Mich hat dabei sehr vieles an Les Baux de Provence erinnert, wo wir letztes Jahr vorbeigekommen sind. Wir trafen Remy, genossen die warme Gaststube, tranken Kaffee und Tee und genehmigten uns geröstete Brioche mit einer speziellen, lokalen Konfitüre. Alles sehr lecker und motivierend. Irgendwie war ich schon etwas müde, doch ich wusste, dass noch über 50 Kilometer zu bewältigen sind. Als nächsten Treffpunkt vereinbarten wir Saint Maurice Navacelles, am Südostende der Schluchten von Navacelles.
Jürg und ich starteten wieder Offroad. Der Wanderweg durch die Kalkhochebene führte öfters leicht bergrunter, war zwar etwas matschig, doch recht gut zu fahren und so kamen wir gut voran. Bis dann Jürg seinen ersten Plattfuss meldete. Am Hinterrad hat ihm ein Dorn die Reifendecke durchstossen und ein Loch in den Schlauch gestochen. Trotz des leichten Regens war das rasch repariert und wir näherten uns Vissec, einem kleinen Nest am Ostende der Schluchten. Von da weg plante ich unsere Strecke auf einem Wanderweg, ganz unten in der Schlucht. Ich hatte keine Ahnung ob das funktioniert und fahrbar ist. Wenn das nicht klappt und wir irgendwann umdrehen müssen, verlieren wir wohl sehr viel Zeit. Jetzt vor Ort, fand ich die Idee nicht mehr so prickelnd. Nicht lange fackeln. Probieren! Und siehe da, auch dieser Weg war zum grössten Teil fahrbar. Sieben Kilometer Singletrail auf steinigem Untergrund, durch offenes Land, durch Büsche und Waldabschnitte. Vielleicht 20x absteigen und kurz schieben oder tragen, doch kein wirkliches Problem. Glück gehabt.
Die folgenden 300 Höhenmeter auf einer kleinen Asphaltnebenstrasse fand ich dann ziemlich zäh und anstrengend. Ich freute mich auf eine nächste Kaffeepause. Daraus sollte dann jedoch nichts werden. In Saint Maurice de Navacelles konnten wir keine Bar oder kein geöffnetes Restaurant finden. Auf Remy trafen wir bei einer kleinen Bibliothek, direkt neben Schule und Bürgermeister. Er konnte der Bibliothekarin einen Kaffee abschwatzen, doch die wollte nun endlich den Laden schliessen und nach Hause. Es war kurz nach 16:00 Uhr, der Tacho zeigte 53 Kilometer. Es folgen also noch 21 Kilometer und etwa 300 Höhenmeter. Ich schätze mal knappe zwei Stunden Fahrzeit.
Das war wohl der Irrtum des Tages. Denn für die letzten 20 Kilometer benötigten wir volle drei Stunden. Fahren konnten wir vielleicht eine Stunde. Die beiden anderen Stunden praktizierten wir fröhliches Bikewandern. Die geplante Route entpuppte sich als veritabler Bergwanderweg. Felsig und total ausgesetzt. Immer wieder hohe Stufen und Absätze, die viel zu gefährlich waren, um sie fahren zu wollen. Wir sind alt genug, um unsere Grenzen zu kennen (vor allem bei Regen). Also heisst es immer wieder absteigen, schieben, tragen, aufsteigen, 50 Meter fahren, absteigen, schieben, tragen, 50 Meter fahren. Dieser Plan war ein Schuss in den Ofen. Prädikat: Unfahrbar.
Wir waren wirklich dankbar, als die die altes Schlossruine von Saint Guilhem le Désert erspähten und somit wussten, dass das Ziel naht. Kurz nach 19:00 Uhr trafen wir, völlig durchnässt, im Hotel ein. Gerade richtig, um vor 19:30 Uhr noch ein leckeres Nachtessen bestellen zu können. Was für ein Abenteuertag! Das GPS registrierte eine Gesamtzeit von 10:27 Std. Hammer!
Hier der Link zu der heutigen GPS-Aufzeichnung. Die Fotos im Fotoalbum beginnen ab Bild 293.
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