Wie gestern erwähnt, machte ich mich heute auf eine Remember-Tour. Ich folgte dem aufgezeichneten GPS-Track vom 31. Juli 2010 und frischte damit alte Erinnerungen auf. Die Ausgangslage war ja durchaus vielversprechend, denn damals beschrieb ich das als eine Traumtour 😍.
Um 06:48 Uhr bestieg ich am Flughafen den Intercity Nr. 5 nach Lausanne. Ohne einmal umzusteigen komme ich um 08:15 Uhr in Biel an und mache mich vor dem Bahnhof abfahrbereit. Ich fahre kurz ans Seebecken, wo letzte Nebelschwaden über dem Wasser zu sehen sind. Dann folgt ein kurzes Stück im Morgenverkehr entlang dem See, doch schon bald zweigt meine Strecke rechts ab und es geht gleich zügig steil berghoch. Schon bald verlasse ich die schöne Wohngegend mit Seeblick und fahre in den bewaldeten Twannberg. Es folgen gute Schotterstrassen mit regelmässiger Steigung, so dass ich bald einen angenehmen Rhythmus finde.
Nach etwa 500 Höhenmetern erreiche ich eine langgezogene Anhöhe, auf der ich westwärts in Richtung Nods fahre. Hier stelle ich erstmals fest, dass mir ein zunehmend heftiger Westwind entgegenbläst. Kurz vor Nods mache ich eine erste Verpflegungspause weil ich weiss, dass bald die Hauptsteigung des Tages folgt. Dabei sind an die 900 Höhenmeter bis zur Chasseral-Sendestation zu überwinden, was für mich fast zwei Stunden Bergfahrt bedeutet.
Kurz nach dem Ortsausgang von Nods biegt die Strecke von der Asphaltstrasse ab und es folgen ziemlich zähe Kilometer auf grobschottrigen Waldstrassen. Über diese kantigen Jurasteine fährt es sich holprig und ich kreuze hundert Mal die Schotterstrasse, auf der Suche nach möglichst geringem Rollwiderstand. Und das bei regelmässigen 10 Steigungsprozent, das kostet ganz schön viele Körner. So bin ich doch richtig froh, dass ich die letzten 200 Höhenmeter dann netterweise wieder auf der offiziellen und asphaltierten Strasse fahren darf 😌.
Immer wieder pfeifft der Wind durch die Bäume und mir wird klar, dass es bald wohl arg windig sein wird, denn die obersten etwa 100 Höhenmeter des Chasseral sind unbewaldet und dort ist man ungeschützt den starken Winden 💨 ausgesetzt. Zum Glück ist meine Hauptfahrtrichtung von West nach Ost, also mit dem Wind 👍. Da die offizielle Passstrasse gesperrt ist, fahre ich die letzten Kilometer ganz ohne Autoverkehr berghoch. Ich weiss aber auch, dass ich nicht im Hotel/Restaurant auf der Passhöhe einkehren kann, weil auch das geschlossen ist. Das ist insofern kein Problem, als dass ich genügend Proviant mitführe 🥪🍎🍌.
Als ich aus dem Wald und in den Wind komme, fallen mir Worte ein wie: Sturmböen und Orkan! Das ist ja heftig! Zeitweise windet es mich fast von der Strasse. Ich kann mich nicht erinnern, schon je bei so starkem Wind Rad gefahren zu sein. Wie gesagt: Zum Glück fahre ich in Windrichtung💨💨💨💨💨... Die Aussicht ist gut, doch so kann man diese nicht geniessen. Ich mache nur ein paar Fotos und fahre weiter, bis ich etwas weiter unten eine windgeschützte Stelle finde, wo ich meine wohlverdiente Mittagspause machen kann. Ich esse und trinke etwas, blinzle in die Sonne und muss doch feststellen, dass ich kräftemässig schon ziemlich gebraucht bin. Bis hierhin habe ich knapp 1'400 Höhenmeter überwunden. Es kommen also noch deren 500. Gegen Ende dürfte es hart werden...
Nun folgen die wohl schönsten 15 Kilometer der ganzen Tour 😍. Man fährt dabei alles auf Wanderwegen entlang des Hügelzugs in Richtung Osten. Es ist technisch anspruchsvoll, immer wieder steinig und man muss stets eine gute Linie suchen, doch mit etwas Geschick kann man nahezu alles fahren. Dabei geht es zwar mehrheiltich leicht bergab, doch es kommen immer wieder kurze Gegensteigungen, so dass man nur wenig an Höhe verliert. Das ist wirklich Mountainbiking vom Feinsten! Ja, das ist auch heute noch eine Traumtour und dafür lohnt sich jeder Schweisstropfen des Anstiegs.
Plötzlich ändert sich der Charakter und es geht heftigst steil bergab, verblockt, steinig und stellenweise auch gefährlich. Ich habe diesen Streckenabschnitt, runter nach Frinvillier, nur noch schwach in Erinnerung. Diesmal steige ich öfters ab und trage das Rad über steile Stufen bergrunter. Ich kann mir auch nicht wirklich vorstellen, dass wir vor 15 Jahren das alles fahren konnten. Da herrscht teilweise Absturzgefahr 🤯. Da ist auf jedem Meter volle Konzentration gefragt und in den vielen Spitzkehren kann man das Hinterrad-Versetzen wieder einmal ausgiebig üben 🤪. Als mich der Wald ausspuckt und ich wieder auf eine Strasse treffe muss ich erst mal anhalten, die Arme und Hände ausschütteln und den Puls etwas beruhigen. Heftig!
Einen kurzen Moment überlege ich, ob ich die letzte Steigung, hoch nach Magglingen auslassen soll. Eigentlich bin ich erschöpft und reizüberflutet genug, dass ich die "Biel-Trails" nun nicht auch noch unbedingt brauche. Ich schaue auf die Uhr, es ist kurz vor 14:00 Uhr. Es bleibt also noch genügend Zeit, so dass ich diese letzten 200 Höhenmeter auch ganz gemütlich in einem kleinen Gang hochkurbeln kann. Ich will mir nun auch nicht die Blösse geben um die Tour abzukürzen 😏.
Die "Biel-Trails" hatte ich noch rumplig und ausgefahren in Erinnerung. Man kann sich also in etwa vorstellen, wie das 15 Jahre später aussieht, wenn tausende weiterer Biker da runtergebrettert sind. Das ist alles heftig ausgefahren, steinig und vor Kurven gibt es grobe Brems-Rüttelpisten. Da wünscht man sich ein Downhill-Bike mit über 150mm Federweg. Ich musste eine für mich fahrbare Linie suchen, doch Spass hat es auch mit meinem Touren-Fully gemacht 👍.
Ich rolle durch die Bieler Altstadt und sehe an einem Kirchturm, dass es nun kurz vor 14:40 Uhr ist. Ich spute mich also, damit ich um 14:48 Uhr den nächsten Schnellzug nach Hause erwische. Ich renne durch den Bahnhof, der Zug steht abfahrbereit da, ich wuchte das Bike in den Zug, die Türen schliessen hinter mir und der Zug 🚆 rollt an. Perfektes Timing! Wobei, ich hätte mir zur Belohnung in der schönen Altstadt schon noch gerne ein Bierchen🍺 gegönnt. Nun trinke ich halt das restliche Wasser aus dem Trinkrucksack und verspeise mein letztes Sandwich. Was für ein Erlebnis!
Zuhause hänge ich mein GPS an den PC und lade die Tourdaten runter: 60 Kilometer, 5:12 Fahrzeit, 1'900 Höhenmeter. Zum Vergleich die Daten von vor 15 Jahren: 57 Kilometer, 4:27 Std. 1'830 Höhenmeter. Da stellt sich mir doch nun die Frage: Warum brauchte ich diesmal 45 Minuten länger? Bin ich 3 Minuten pro Jahr langsamer geworden? Es lohnt sich jedoch nicht, darüber zu grübeln oder gar enttäuscht zu sein. Erstens ist es kein Rennen auf Zeit und zweitens bin ich doch auch ein kleines bisschen stolz darauf, dass ich eine solch anspruchsvolle Tour auch mit 62 noch packe 👍
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Nachfolgend ein paar Fotos, die leider (oder zum Glück) den heftgen Wind nicht darstellen können. Tipp: Auf das erste Bild klicken und alle Bilder in der Lightbox im Grossformat ansehen.