Rund um das Gotthardmassiv ist der Lukmanier noch der einzige Pass, den ich noch nicht mit dem Fahrrad überquert habe. Nach Erzählungen muss das ein landschaftlich wunderschöner Pass sein und vor allem die Abfahrt in den Süden, durch das Bleniotal, sei wirklich jeden Schweisstropfen des Aufstiegs wert. Na denn ...
Als ich die Route plante, sah ich sowohl runter vom Oberalp als auch vom Lukmanier verschiedene Bikestrecken, die man gut in die Tour integrieren könnte. Das hat mich motiviert, um eine Mountainbiketour zusammenzustellen. Als Erstes wählte ich als Zielbahnhof die Ortschaft Biasca. Rasch stellte ich dann fest, dass man mit dem Zug von dort erst südwärts bis Bellinzona fährt, um da in einen Zug in Richtung Alpennordseite umzusteigen, der dann an Biasca vorbeifährt. Diese flachen 20 Kilometer von Biasca bis nach Bellinzona hänge ich in diesem Fall lieber noch an die Tour mit an und somit entstand eine Tourlänge von ca. 110 km, mit etwa 2'000 Höhenmeter berghoch und etwas über 3'000 Höhenmeter bergrunter. Klingt spannend und gut. 👍
Wieder bestieg ich um 05:39 Uhr den Zug im Flughafen Kloten in Richtung Süden. Zum dritten Mal fahre ich nun mit derselben Verbindung in die Berge. In Göschenen stieg ich um und fuhr mit einem lokalen Zug weitere 10 Minuten hoch nach Andermatt. Um 08:10 Uhr trat ich dort vor das Bahnhofsgebäude. Der Himmel war blau, die Sonne schien und schon jetzt zeigte das Thermometer über 20 Grad. Perfektes Sonnenbrillenwetter! 😎 Also nicht lange fackeln. Aufsteigen und die Strasse auf den Oberalppass anvisieren.
Die knapp 700 Höhenmeter bis zur Passhöhe sind ein perfektes Einfahren. Es ist nirgends besonders steil und die Aussicht ins Tal und die umliegenden Berge ist nie langweilig. Etwa zwei Kilometer vor der Passhöhe zweigt eine ausgeschilderte Bikestrecke von der Strasse ab und man kann wunderbar entlang des Oberalpsees fahren. Ich staune etwas, wie viele Fischer ich am Seeufer sehe, doch allem Anschein nach, gibt es viele Fische in diesem See, die gefangen werden wollen. Auf der gegenüberliegenden Seite, beim Restaurant auf der Passhöhe mache ich nur ein kurzes Schild-Foto und freue mich nun auf den beginnenden Trailabschnitt bergrunter.
Es geht gleich ziemlich ruppig zur Sache. Immer wieder grosse Steine, Kanten und Absätze, Haarnadelkurven in steilem Gelände und kleine Bachüberquerungen. Es braucht 100 Prozent Konzentration, eine gute Linienwahl und oftmals auch eine Portion Mut, um zu fahren und nicht abzusteigen. Die Hände und Arme werden maximal belastet und das Adrenalin steigt. Bei der Überquerung einer Alpenstrasse halte ich kurz an, schüttle Hände und Arme aus und beruhige mich etwas 🙃. Nicht schlecht, Herr Specht! Da sind echte Mountainbike-Skills gefragt. Ich stelle fest, dass ich derart heftige Trails nicht mehr oft fahre und mir deshalb die Routine und auch das Vertrauen in meine Fähigkeiten etwas fehlt.
Was mir auch klar wird: Auf technisch anspruchsvollen Trails ist man viel langsamer unterwegs als wenn man einfach auf einer asphaltierten Strasse ins Tal runter saust. Wenn das später vom Lukmanier in etwa gleich ausschaut, dann wird sich die Tour zeitlich ziemlich in die Länge ziehen. Egal. Ich habe den ganzen Tag Zeit und steige deshalb nicht gleich auf die ersten inneren Ausreden ein, um die Sache zu vereinfachen. Ich wollte eine Mountainbiketour und die erhalte ich nun. Und es ist ja nicht so, dass es keinen Spass macht. Es ist einfach deutlich anstrengender. Sowohl körperlich als auch mental.
Bis in die Nähe von Disentis sehe ich kaum eine Asphaltstrasse und die Strecke führt in stetem auf und ab entlang der südlichen Bergflanke. Plötzlich zweigt der Track im Wald nach rechts ab und mir ist sofort klar, dass ich hier schieben muss, denn es geht viel zu steil den Wald hoch. Ich steige also ab und beginne zu schieben. Während ich so vor mich hin bike-wandere erinnere ich mich an die Planung. Das war ein S3-Trail bei dem ich nicht erkannte, dass dieser nur in die umgekehrte Richtung fahrbar ist. Man sieht auch einige Bikespuren, doch für mich heisst das nun etwa 20 Minuten schieben und zeitweise auch tragen. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich das anderes herum, bergrunter, wirklich alles hätte fahren können. Es war wirklich heftig steil, mit vielen Wurzeln und einigen Treppen. Ziemlich schwitzend erreichte ich glücklicherweise bald eine Forststrasse, auf der ich wieder aufsitzen und fahren konnte 😅.
Den Anstieg zum Lukmanierpass muss man nur zu Beginn auf der Autostrasse bestreiten. Schon bald zweigt man rechts ab und folgt danach der alten Passstrasse, die man nur noch mit (kaum vorhandenen) Wanderen teilen muss. Sehr malerisch führt die Strecke an kleinen Weilern und einzelnen Höfen vorbei, immer weiter nach hinten ins Tal und in Richtung Pass. Schon bald erkennt man die Staumauer des Sees mit dem Namen "Lai da Sontga Maria". Das zeigt an, dass ich mich in der Gegend befinde, in der Rätoromanisch, die vierte Landessprache der Schweiz, gesprochen wird. Mein Weg führt einen alten Säumerweg hoch, bis zum rechten Ende der Staumauer. Ich weiss nicht, ob ich fahren kann oder ob es dafür zu steil ist. Auf jeden Fall sehe ich schon bald, dass ich den Weg mit einer 🐐 Ziegenherde 🐐🐐🐐 teilen muss. Immer wieder läuft mir eine blökende Ziege vors Bike und bleibt dann unvermittelt stehen. O.K. Überzeugt. Ich steige ab und schiebe. Hier haben 🐐 Vortritt 😂.
Dann stosse ich auf den zweiten Planungsfehler. Aufgrund von Satellitenaufnahmen dachte ich, dass ich den See auf der Westseite umfahren kann, doch schon nach ein paar hundert Metern verwandelt sich die anfängliche Schotterstrasse in einen unfahrbaren Bergwanderweg. Also heisst das noch einmal etwa eine halbe Stunde schieben und tragen. Schade. Das hätte ich so nicht gebraucht, doch so etwas lässt sich am PC kaum erkennen. Bis ich an der Passhöhe des Lunkmaniers ankomme, ist es bereits nach 14:00 Uhr und es sind erst 47 Kilometer zurückgelegt. Noch nicht einmal die Hälfte der geplanten Strecke. Phuu ... 🤪 Wenigstens geht es von nun an vorwiegend bergrunter.
Trotzdem brauche ich jetzt eine Pause und muss etwas essen und trinken. Meine Energiespeicher sind ziemlich leer und der MTB-Wegweiser sagt "Biasca, 25 km". Dabei werden über 1'600 Höhenmeter vernichtet. Es wird mir also vermutlich noch einiges abverlangt. Und so ist es dann auch. Mal geht es lieblich und schnell über Alpwiesen, dann kommen wieder steinige und steile Abschnitte, die mich auch wiederholt zum Absteigen zwingen. Manchmal ist mir das einfach zu gefährlich, und ich will hier nicht über den Lenker stürzen und mir ein paar Knochen brechen. Gerade wenn man alleine unterwegs ist, muss man den Kopf einschalten und verantwortungsbewusst handeln. Es gibt nichts zu gewinnen. Man kann nur verlieren. 😏
Die MTB-Strecke ist bestens ausgeschildert. Das erspart mir manchen Blick auf das GPS und somit komme ich ansprechend gut voran. Auch wenn wiederholt kurze Gegenanstiege folgen, die mich die letzten Körner kosten, so kann ich das alles immer noch gut geniessen und nehme die wunderschöne Umgebung des Bleniotals auch wirklich wahr. Je weiter ich nach unten komme, desto wärmer wird es. Kurz vor Biasca lese ich auf einer Anzeige vor einer Apotheke +35° Grad. Heiss 😅! Ich steuere ein Lebensmittelgeschäft an, denn meine Muskeln brauchen nun einfache Kohlenhydrate in Form von nun Zucker. Ein Gebäck und einen Liter Apfelschorle später fühle ich mich doch deutlich besser und auch gut motiviert für die letzten 20 bis 25 Kilometer.
Tja, was ich dann nicht wirklich gebraucht hätte, war, dass ich merkte, wie ich am Hinterrad stetig Luft verliere. Bitte jetzt nicht auch noch ein Plattfuss! 😒! Ich hielt an und prüfte den Druck. Deutlich zu wenig. Noch weigere ich mich, um zu reparieren. Ich pumpe einfach mal nach und schaue, wie lange ich fahren kann, bis ich erneut nachpumpen muss. Doch das reicht nur für etwa 10 Fahrminuten. Also doch Anhalten, Rucksack ausziehen, Pumpe und Ersatzschlauch hervorkramen, Rad ausbauen, Schlauch herausnehmen, Loch suchen, Dorn im Mantel entfernen, neuen Schlauch einlegen, Reifen wieder schliessen und aufpumpen, Rad einbauen und alles, was herumliegt, wieder in den Rucksack packen. Aufsitzen und weiterfahren. Alles innerhalb von 15 Minuten. Geht doch 👍.
Ziemlich müde fahre ich kurz nach 18 Uhr am Bahnhof in Bellinzona vorbei. Ich will noch zu einer Burg hochfahren, weil es dort einen "Grand Tour of Switzerland" Foto-Spot gibt, der mir noch in meiner Sammlung fehlt. Auf diese halbe Stunde kommt es nun auch nicht mehr drauf an. Gesagt, getan und so steige ich erst um 18:47 Uhr in einen Schnellzug in Richtung Zürich ein. Ich geniesse den klimatisierten Wagen und bin ganz froh, dass ich jetzt einfach zwei Stunden sitzen und mich erholen kann. Um 20:49 Uhr treffe ich am Bahnhof Zürich-Flughafen ein und die letzten 25 Minuten Velofahren bis nach Hause gehen dann wie von selbst. Auch das war wieder eine Hammertour 💯 und ein ganz besonderes Erlebnis. 🙏
Wer will, kann den heute aufgezeichneten GPS-Track hier ansehen. Für den ganzen Tag sagt das GPS: 131 km, 8:29 Std., 2'420 Hm.